Ein letzter Fernwehtext

Die seltene, beinahe Unbehagen hervorbringende Stille, wenn tatsächlich die Unmöglichkeit eingetreten sein sollte, dass nur für einen kurzen Moment lang kein anderer Mensch außer dir selbst unterwegs ist. Männer, die in dieser wunderbaren Selbstverständlichkeit Kinderwägen vor sich herschieben. Crêpes.  Die zu Hauf verschwendete Lebenszeit an französischen Supermarktkassen. Der oft zum Greifen nahe Sex in der Luft. Das stolz vorgetragene, schlechte Englisch.  Motorroller, die auf Gehsteigen zwischen WTF-Gesichtern hindurchbrettern. Ca va? Ca va. Die Phonyness bei der Begrüßung, die eigentlich nicht einmal phony ist, aber bei deutsch-österreichischer Sozialisation zwingend überfreundlich wirken muss. Das beste Panini 4 Fromages an der Uni. Die allgegenwärtige Laufbegeisterung. Das eigentlich gänzlich nervige Einfachso, in dem Sinne von „Ich dachte mir, du gefällst mir und ich sprech dich einfach mal an.“ Die Pariser Métro, die wie ein unsicheres Großstadtspielzeug durch die Stadt wackelt, während sich große, ausländische Menschen beim Aussteigen aus den Sitzen schneiden müssen. Die ausgehändigte Serviette zu jedem gekauften Produkt. Das Verständnis vom Singledasein als obligatorisch behebungsnotwendigen Missstand. Diese lockere, 3 Wochen später nach der Frist Abgabe-Mentalität. Das andere Deutschsprachige im Ausland doof finden können, weil das tun wir nun mal gerne. Die selbstverständliche Kultur-und Kunstliebe. Die vielen, bunten Menschen. Das französische Fluchen, das wie Ananas-Zucker-Kuchen in den Ohren klingt. Die Schwangeren mit Kind und Kegel auf Konzerten. Dieses beeindruckend, unkomplexe Verständnis vom Zusammenkommen zweier Menschen, das vielleicht viel zu schnell und oberflächlich vor sich geht, deswegen aber dauerhaft nicht erfolgloser sein dürfte. Die durch die Métro ziehenden Musikanten, die mit großen, rollenden Lautsprecherkonstruktionen singen, rappen oder ziehharmoniken. Kronenbourg. Das Gebot und Bedürfnis, modisch zu sein. Die daraus resultierende Unmöglichkeit, mir jemals wieder derartig underdressed vorzukommen. Dieser generelle Blick für die feinen Details, der sich vor allem auch in Photographie und anderen Künsten niederschlägt. Das Nicht-zu-Wort-kommen. Freitagabende im Louvre. Pain. Das Annehmen-Können, die fremden Zungen würden ausschließlich Angenehmes von sich geben (ein Thomas Bernhard Gedanke).  Das verlässlich wiederkehrende Scheinwerferlicht des Eiffelturms, das nachts in Kreisen über die Stadt hereinbricht. Die Falafel-Anpreiser in Marais, die natürlich alle behaupten, die Ihre wäre die beste Falafel. Die männliche Selbstüberschätzung. Der weibliche Perfektionismus. Die Bisous. Amarino-Eis. Freunde.
All das, wird fehlen.

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