Archive for the ‘gib mir fernwehtexte’ category

Ein letzter Fernwehtext

Juni 26, 2009

Die seltene, beinahe Unbehagen hervorbringende Stille, wenn tatsächlich die Unmöglichkeit eingetreten sein sollte, dass nur für einen kurzen Moment lang kein anderer Mensch außer dir selbst unterwegs ist. Männer, die in dieser wunderbaren Selbstverständlichkeit Kinderwägen vor sich herschieben. Crêpes.  Die zu Hauf verschwendete Lebenszeit an französischen Supermarktkassen. Der oft zum Greifen nahe Sex in der Luft. Das stolz vorgetragene, schlechte Englisch.  Motorroller, die auf Gehsteigen zwischen WTF-Gesichtern hindurchbrettern. Ca va? Ca va. Die Phonyness bei der Begrüßung, die eigentlich nicht einmal phony ist, aber bei deutsch-österreichischer Sozialisation zwingend überfreundlich wirken muss. Das beste Panini 4 Fromages an der Uni. Die allgegenwärtige Laufbegeisterung. Das eigentlich gänzlich nervige Einfachso, in dem Sinne von „Ich dachte mir, du gefällst mir und ich sprech dich einfach mal an.“ Die Pariser Métro, die wie ein unsicheres Großstadtspielzeug durch die Stadt wackelt, während sich große, ausländische Menschen beim Aussteigen aus den Sitzen schneiden müssen. Die ausgehändigte Serviette zu jedem gekauften Produkt. Das Verständnis vom Singledasein als obligatorisch behebungsnotwendigen Missstand. Diese lockere, 3 Wochen später nach der Frist Abgabe-Mentalität. Das andere Deutschsprachige im Ausland doof finden können, weil das tun wir nun mal gerne. Die selbstverständliche Kultur-und Kunstliebe. Die vielen, bunten Menschen. Das französische Fluchen, das wie Ananas-Zucker-Kuchen in den Ohren klingt. Die Schwangeren mit Kind und Kegel auf Konzerten. Dieses beeindruckend, unkomplexe Verständnis vom Zusammenkommen zweier Menschen, das vielleicht viel zu schnell und oberflächlich vor sich geht, deswegen aber dauerhaft nicht erfolgloser sein dürfte. Die durch die Métro ziehenden Musikanten, die mit großen, rollenden Lautsprecherkonstruktionen singen, rappen oder ziehharmoniken. Kronenbourg. Das Gebot und Bedürfnis, modisch zu sein. Die daraus resultierende Unmöglichkeit, mir jemals wieder derartig underdressed vorzukommen. Dieser generelle Blick für die feinen Details, der sich vor allem auch in Photographie und anderen Künsten niederschlägt. Das Nicht-zu-Wort-kommen. Freitagabende im Louvre. Pain. Das Annehmen-Können, die fremden Zungen würden ausschließlich Angenehmes von sich geben (ein Thomas Bernhard Gedanke).  Das verlässlich wiederkehrende Scheinwerferlicht des Eiffelturms, das nachts in Kreisen über die Stadt hereinbricht. Die Falafel-Anpreiser in Marais, die natürlich alle behaupten, die Ihre wäre die beste Falafel. Die männliche Selbstüberschätzung. Der weibliche Perfektionismus. Die Bisous. Amarino-Eis. Freunde.
All das, wird fehlen.

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Schlichter Text

April 17, 2009

je marchais. Ich ging. Von Port Royal aus, sah ich mich nach dem Boulevard du Montparnasse um. Eine beliebig gewählte Gehrichtung. Ich musste dabei jedoch verlorener ausgesehen haben, als ich es mir lieber nicht anmerken hätte lassen wollen. Eine auf mich zukommende Frau fragte mich, aus dem anonymen Großstadt-Nichts, ob ich etwas suchen würde. Nein, Nein. Merci.  Was gelogen und auch nicht gelogen war. Wonach ich mich auf den Weg gemacht hatte, war mir selbst noch nicht bekannt gewesen und wäre nichtzuletzt deswegen über die Kompetenzen einer bestimmt versierten, dennoch Stadtplanziel-orientierten Pariserin hinausgegangen.

je marchais plus vite. Ich ging schneller. Der Boulevard du Montparnasse wurde dabei beinahe unbemerkt zum Boulevard Raspail. Ich musste an Die Person denken. Ja, sie schien mir Diese zu sein. Immer noch und immer wieder. je devais continuer à continuer à marcher. Ich musste weiter weiter gehen. Körperlich müde werden heute. Zuviel ungelöst von letzter Nacht übrig geblieben. Wie nicht weichen wollendes Adrenalin. Nur noch 2 1/2 Monate Paris, um zu: werden.
je marchais, marchais, marchais. Ich ging, ging, ging. Vor mir: ein überschäumender Brunnen, dahinter: eine halb verhüllte Kirche. Wie kann ich eigentlich so sicher wissen? Dass jene Person, zumindest von meiner -zugegeben einseitigen- Gehrichtung aus, Die Person sein soll?

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Mein Name ist: Angepasstes Lulu.

April 8, 2009

Ich kenne Menschen, die reisen ohne Moneten in den Taschen durch ferne und auch nahe Länder, ohne dabei an morgen zu denken.  Bzw. verdrängen sie solch sorgenlastiges Gedankengut einfach. Weg. Irgendwohin. Das bewundere ich! Ich denke nämlich ständig an die Zukunft. Wer ich gerne wäre, und wie ich da am besten hinkommen könnte.
Manchmal auch eine Spur destruktiver: „Was, wenn ich kein Geld mehr habe?! Oje, ich seh schon, ich muss wieder Bücher etikettieren, wenn das so weitergeht!“.
Ich denke sogar soviel dazu nach, dass ich das Wort „Zukunft“ selbst schon nicht mehr – ohne dabei zusammen zu zucken – hören kann. Und bei all dem, merke ich gar nicht, dass das nicht das Leben ist.
Weil: Es geht an mir vorbei. Weil: Es muss. Eigentlich möchte es ja mit mir seine Zeit verbringen, aber fast jedes Mal wenn es meinen Weg kreuzt, ziehe ich den Kopf ein oder schau schnell in die Luft, damit es  gar nicht erst stehenbleibt und mich grüßen könnte. Deswegen, macht es sich weiter. Auf den Weg. Zu den oben genannten Menschen. Die strahlen dem Leben nämlich schon von Weitem entgegen, winken freudig mit dem Gehstock und lassen es in ihren Rucksack kraxeln.

Willkommen, zu einem weiteren weininspirierten, obligatorisch-pathetischen Emo-Text.

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Unsicherheit und Sicherheit gehen miteinander freundschaftlich spazieren

Oktober 18, 2008

A: „Weißt du, manchmal frage ich mich, ob mich das viele Schreiben vom echten Leben abhält.“
B zieht an B’s Zigarette (die geile Sau!) und sagt daraufhin, gewohnt gerade heraus: “Aber vielleicht ist das Schreiben nun mal dein Leben.“
A hasste es, wenn B einfach mir-nichts-dir-nichts, A’s mühsam erarbeitete und vor allem wunderbar destruktive Gedankenkonzeptionen zu Nichte zu machen wusste. Gleichzeitig verehrte A, B dafür.

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Ein Moment. Oder about:blank

Oktober 3, 2008

Ein Moment.

Sie ging durch die Stadt.
Es war nicht Ihre, aber vielleicht würde sie es werden.
Denn immerhin war es Ihr vertrauter Soundtrack in Ihren Ohren. Ihr Julian, Ihr Ian, Ihr Eddie, die Sie durch die Straßen der Stadt geleiteten. Es war auch Ihre Frisur, die der Wind der Stadt immerfort zu zersausen pflegte und weiter zu zersausen pflegen würde. Es waren eindeutig Ihre Hände, die die Stadt erkühlen ließ und in Ihre abgenutzten Wärmerefugien, Ihre Hosentaschen trieb. Es war sicherlich Ihr Herz, das dem anderem, schnelleren Rhythmus der Stadt zu gehorchen hatte, musste, sollte, vermutlich auch wollte. Es waren deutlich Ihre Lungen, durch welche die verstörende, gleich betörende Luft der Stadt gepumpt und zu Ihrem Atem wurde. Es war bestimmt Ihre Willkür, die Sie dazu veranlasste an jenem, genau diesem, Brunnen der Stadt inne zu halten, um die Ihrigen – wenn auch von der Stadt gewiss infiltrierten – Gedanken zu notieren.

Die Stadt. Sie. Blankes Papier.
Die Stadt führte Ihre Hand, die wiederum derer beiden Buchstaben auf Papier zwang.
Auf das vorher noch blank gewesene Papier.
Gefolgt von nachher blank bleibendem Papier.

Sie ging unbeschrieben durch die Stadt, die noch nicht Ihre war. Die vermutlich nie Ihre wird.
Sie war wie das vorher noch blank gewesene und das nachher blank bleibende Papier.

about:blank